Die Zukunft hat schon begonnen – auch ohne KI

Zum zweiten Mal lud das Team um Barbara Mahlke, Programmleiterin Recht und Beratung bei Schweitzer Fachinformationen, Anwältinnen und Anwälte zum Zukunftsforum nach Hamburg ein. Wer seine Veranstaltung mit „Zukunftsforum“ tituliert und Praktiker aus Unternehmen unterschiedlicher Größenordnung anspricht, schraubt die Erwartungen hoch. Denn das Zielpublikum sucht keine theoretischen Konstrukte, keine wolkigen Fantasien über Chancen des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) in Anwaltspraxen, sondern Anwendungen, die den Arbeitsprozess erleichtern und die Zusammenarbeit mit Partnern und Mandanten effizienter gestalten – kurz: Man sucht technologischen Fortschritt, Automatisierung, Legal Tech zu vertretbaren Preisen und überschaubarem Einführungsaufwand.

Nüchterne Sicht auf Künstliche Intelligenz

Um es vorwegzunehmen – die Referenten waren vorzüglich ausgewählt, auch weil sie eine sehr nüchterne Ansicht zum Thema „Künstliche Intelligenz“ mitbrachten. Denn mit KI hatten die meisten vorgestellten Lösungen wenig zu tun – es ging eher um ausgereifte statistische Verfahren, bei denen mit Hilfe neuer Editoren und Tools juristische Dokumente nicht nur als Gesamtwerk behandelt, sondern klauselbasiert ausgelesen und in Beziehung zu einander gesetzt werden. So war man schnell überzeugt, dass Vertragsunterlagen als Muster hinterlegt, auf diesem Weg automatisch, fallbezogen angepasst werden können und auch bei einer komplexeren, kollaborativen Bearbeitung die Vorgänge konsistent und nachvollziehbar bleiben.

Von einer automatisierten Rechtsberatung für Verbraucher via Legal Chatbots oder ähnlichen ist man allerdings noch weit entfernt. Denn das konkrete Anliegen eines juristischen Laien kann nur in sehr speziellen Fällen über eine automatisierte Dialogführung korrekt erfasst und  eingeordnet werden. Es bedarf also weiterhin eines direkten Austausches zwischen Anwalt und Mandanten, um einen Sachverhalt zu erschließen.

Blockchain – ein Dauerbrenner

Das Thema „Blockchain“ durfte auch auf dieser Konferenz nicht fehlen. Blockchains begeistern Technologieexperten, die Finanz- und Wirtschaftswelt und neuerdings auch die öffentliche Hand, versprechen sie doch die Generierung eindeutiger, wahrer und vor allem fälschungssicherer Informationen. Während im Zeitalter der digitalen Monopolisten Informationen an vielen Stellen dezentral vorliegen, über Google, Facebook und Co aber zentral und nicht durchschaubar verwaltet werden, funktioniere die digitale Infrastruktur der Blockchains in umgekehrter Weise, erläuterte Florian Glatz vom Bundesverband Blockchain. Viele dezentrale Akteure sorgen für eine zentrale, kontrollierbare und transparente Zusammenführung von Informationen. Die Anwendungsbereiche von Blockchains seien vielfältig. So ließen sich Register, beispielweise von Grundbüchern, von Rechten oder Lizenzen an zentraler Stelle führen. Digitale Identitäten der Bürger könnten aufgebaut werden, die ihnen die Hoheit über ihre Daten zurückgeben oder es ließe sich ein digitaler Euro als Zahlungsmittel einführen. Letzteres, so Glatz, werde bereits intensiv diskutiert. Vielfach führe der Einsatz von Blockchains zu veränderten Geschäftsmodellen, öffne neue Märkte, erzeuge neue Rechtsfragen.
Ob diese Entwicklung für die Gesellschaft in jeder Form zielführend ist, bleibt zu diskutieren – das machte der letzte Vortrag der Tagung deutlich. Mit Blockchains könne die Aufgabe von Enterprise Softwarelösungen, Unternehmen effizienter und wirtschaftlicher zu gestalten, noch besser umgesetzt werden, schwärmte Jürgen Erbeldinger, Geschäftsführer von Escriba. Denn anders als zuvor wäre eine transparente und fälschungssichere Auswertung von Daten möglich, Daten, die u.a. im Detail beschreiben, an welchen Stellen im Unternehmen Fehler unterlaufen, wer die Verantwortung dafür trägt und welche Maßnahmen daraus abzuleiten seien. Manch‘ einer, mich eingeschlossen, empfand diese Sichtweise als einseitig technokratisch, als Sichtweise, der die Perspektive der Arbeitswelt fehlt.

Lex Superior – eine spannende App für Juristen

Weit weniger nachdenklich stimmte der grandiose Vortrag von Tianyu Yuan, Geschäftsführer des Start-Ups Lex Superior. Die App für Juristen fokussiert sich auf Rechtsfragen in einer digitalisierten Welt. Schon jetzt nutzen 10 000 Studenten und Praktiker die Plattform, um gemeinsam, im engen Austausch, das Recht weiterzudenken und neu zu gestalten – ein toller Ansatz.

So bleibt als Fazit – eine gelungene Veranstaltung, die zeigt, dass auch der Fachbuchhandel mit kommunikativen Formaten Kunden begeistern und binden kann.

Posted by Dorothea Redeker