Best-Case/Worst-Case: das blinde Auge der Politik in der Corona-Epidemie

Politische Entscheidungen sollten idealerweise ausgewogen und in sich konsistent sein – zugegeben eine Forderung, die in der Realität nur selten erfüllt werden kann. Im Umgang mit der Corona-Pandemie fallen eine Menge Inkonsistenzen auf. Eine davon ist der widersprüchliche Umgang mit Risikoerwartungen.

Die politischen Entscheider betrachten bei der Einschätzung der Corona-Risiken fast ausschließlich Worst-Case Szenarien – bevorzugt anhand von Modellrechnungen, die Vorhersagen über die Entwicklung der Epidemie machen wollen, obwohl viele Modellparameter auf unsicheren Füßen stehen. Aufgrund dieser Szenarien werden Handlungsempfehlungen gegeben bzw. -anweisungen getroffen. Im Sinne eines „besser zu viel als zu wenig getan“ mag das nachvollziehbar sein – allerdings müssen dann die Folgen für alle Lebensbereiche berücksichtigt werden.

Merkwürdigerweise gilt für die Erwartungen an einen Impfstoff und seine Verwendung als „Game Changer“ in der Corona-Krise genau das Gegenteil. Seit Beginn der Epidemie werden wir damit vertröstet, dass eine Impfung alle Probleme hinweg fegen wird. Alle Bedenken aus der Wissenschaft, ob es einen Impfstoff geben wird, der geringe Nebenwirkungen, hohe Wirksamkeit und Massenverfügbarkeit in sich vereinigt, werden offenbar nicht wahrgenommen. Es wird also ein Best-Case Szenario verfolgt.

Würde man das Risiko der Impfstoffentwicklung ebenso mit einem Worst-Case Szenario betrachten, könnte man der Frage, wie man die Corona-Krise ohne wirksamen Impfstoff managen will, nicht mehr ausweichen. Es wäre an der Zeit, sich auch mit diesem Szenario ernsthaft auseinander zu setzen und Lösungsstrategien zu entwerfen, ohne dass das öffentliche Leben auf Jahre hinaus zum Erliegen kommt. Konsequenzen der Corona-Bekämpfung für alle Lebensbereiche müssten dann so gegeneinander abgewogen werden, dass das Leben für alle Bevölkerungsgruppen auf Dauer lebenswert bleibt. Und wenn es doch eine – vermutlich nicht ideale – Impfung geben sollte: umso besser…

Posted by Günther Schmelzeisen-Redeker