Beobachtungen

Länderübergreifende Gemeinsamkeiten im Corona-Verlauf

Zurzeit (17.10.2020) steigt die Zahl der täglich neuen Positiv-Testungen (Neuinfektionen pro Tag) auf Corona in Deutschland steil an. Es werden ähnliche Infektionsraten wie zu Beginn der Epidemie gemessen. Gleichzeitig gibt es – glücklicherweise – erheblich weniger Todesfälle pro Tag als im Frühjahr.

Schaut man sich die Verläufe der Neuinfektionen und Todesfälle pro Tag in anderen Ländern Westeuropas an, verblüfft die große Ähnlichkeit der Kurven. In der folgenden Abbildung sind die Verläufe von Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, Niederlande und Großbritannien gezeigt (Quelle: Dashboard der Johns-Hopkins-Universität; Stand vom 17.10.2020).

Es ist zu beachten, dass die Skalierung der Grafiken unterschiedlich ist! Wichtig ist hier die Form der Kurven.

Verlauf der Neuinfektionen und Todesfälle pro Tag in verschiedenen Ländern Eurpoas

Verlauf der Neuinfektionen und Todesfälle pro Tag in verschiedenen Ländern Eurpoas

Bei Unterschieden im Detail (z.B. Zeitpunkt und Stärke des neuerlichen Anstiegs der beiden Verläufe) ist allen gemeinsam, dass es momentan – zum Teil deutlich – mehr Neuinfektionen pro Tag als im Frühjahr gibt, aber trotzdem in allen Ländern pro Tag erheblich weniger Menschen an oder mit Corona versterben.

Dieser Befund ist umso merkwürdiger als die Rahmenbedingungen in den Ländern zum Teil sehr unterschiedlich sind:

– Umfang, Härte und Zeitpunkt bzw. Zeitdauer der Anti-Corona Maßnahmen
– Alters- und Familienstruktur der Bevölkerung
– kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede
– Organisation und Leistungsfähigkeit der Gesundheitssysteme etc.

Auch wenn der erfreuliche Rückgang der Todeszahlen mit der Altersstruktur der Erkrankten (mehr junge Menschen) oder mit verbesserten Behandlungsmethoden in den Krankenhäusern zusammen hängen mag, bleibt die Frage, warum die Länder so große Gemeinsamkeiten in den beiden Verläufen zeigen.

In diesem Zusammenhang ist eine Untersuchung des National Bureau of Economic Research (Cambridge, MA, USA) vom August 2020 interessant, in der die Verläufe der täglichen Neuinfektionen und Todesfälle von 24 Ländern weltweit und 25 Staaten der USA verglichen wurden (zu diesem Zeitpunkt gab es in den untersuchten Ländern noch keinen deutlichen Anstieg der Neuinfektionen). Die Autoren fanden auch in diesem größeren Ländervergleich verblüffende Gemeinsamkeiten. In der Publikation wird auch über mögliche Ursachen für den erstaunlichen „Gleichlauf“ spekuliert (erhöhte Vorsicht der Bevölkerung innerhalb einer Epidemie; Zusammenrücken vertrauter Gruppen bei gleichzeitiger Distanz zu Fremden; bisher unbekannte biologische Faktoren).

In Europa findet man allerdings auch Länder mit einem gänzlich anderen Verlauf, bei dem Todeszahlen und Neuinfektionen einen parallelen Verlauf zeigen (z.B. Rumänien).

Es wäre wünschenswert, dass man von wissenschaftlicher Seite die Ursachen des beobachteten Ländergleichlaufs untersucht, da dies Einfluss auf die politischen Entscheidungen im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie haben kann.

Quellen:
Dashboard Johns-Hopkins-Universität: https://www.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6
PDF-Dokument „FOUR STYLIZED FACTS ABOUT COVID-19“ des NATIONAL BUREAU OF ECONOMIC RESEARCH: https://www.nber.org/papers/w27719

Posted by Günther Schmelzeisen-Redeker in Beobachtungen

Best-Case/Worst-Case: das blinde Auge der Politik in der Corona-Epidemie

Politische Entscheidungen sollten idealerweise ausgewogen und in sich konsistent sein – zugegeben eine Forderung, die in der Realität nur selten erfüllt werden kann. Im Umgang mit der Corona-Pandemie fallen eine Menge Inkonsistenzen auf. Eine davon ist der widersprüchliche Umgang mit Risikoerwartungen.

Die politischen Entscheider betrachten bei der Einschätzung der Corona-Risiken fast ausschließlich Worst-Case Szenarien – bevorzugt anhand von Modellrechnungen, die Vorhersagen über die Entwicklung der Epidemie machen wollen, obwohl viele Modellparameter auf unsicheren Füßen stehen. Aufgrund dieser Szenarien werden Handlungsempfehlungen gegeben bzw. -anweisungen getroffen. Im Sinne eines „besser zu viel als zu wenig getan“ mag das nachvollziehbar sein – allerdings müssen dann die Folgen für alle Lebensbereiche berücksichtigt werden.

Merkwürdigerweise gilt für die Erwartungen an einen Impfstoff und seine Verwendung als „Game Changer“ in der Corona-Krise genau das Gegenteil. Seit Beginn der Epidemie werden wir damit vertröstet, dass eine Impfung alle Probleme hinweg fegen wird. Alle Bedenken aus der Wissenschaft, ob es einen Impfstoff geben wird, der geringe Nebenwirkungen, hohe Wirksamkeit und Massenverfügbarkeit in sich vereinigt, werden offenbar nicht wahrgenommen. Es wird also ein Best-Case Szenario verfolgt.

Würde man das Risiko der Impfstoffentwicklung ebenso mit einem Worst-Case Szenario betrachten, könnte man der Frage, wie man die Corona-Krise ohne wirksamen Impfstoff managen will, nicht mehr ausweichen. Es wäre an der Zeit, sich auch mit diesem Szenario ernsthaft auseinander zu setzen und Lösungsstrategien zu entwerfen, ohne dass das öffentliche Leben auf Jahre hinaus zum Erliegen kommt. Konsequenzen der Corona-Bekämpfung für alle Lebensbereiche müssten dann so gegeneinander abgewogen werden, dass das Leben für alle Bevölkerungsgruppen auf Dauer lebenswert bleibt. Und wenn es doch eine – vermutlich nicht ideale – Impfung geben sollte: umso besser…

Posted by Günther Schmelzeisen-Redeker in Beobachtungen