Gesundheitspolitik

Auslastung der Krankenhäuser in Deutschland durch Covid-19

Vergleich Belegung Intensivbetten 2019 zu 2020

Quelle: Initiative Qualitätsmedizin
https://www.initiative-qualitaetsmedizin.de/covid-19/analyse-der-effekte-der-sars-cov-2-pandemie-1

 

Zurzeit spielen bei der Beurteilung des Verlaufs der Covid-19 Pandemie vor allem Modellrechnungen eine Rolle. So ist auch die Verhängung eines Wellenbrecher-Lockdowns ab dem 2. November 2020 nach Angaben der Bundesregierung auf Basis von Modellrechnungen erfolgt.

Nun hat die „Initiative Qualitätsmedizin“, ein Zusammenschluss von 421 deutschen Krankenhäusern aus dem universitären, freigemeinnützigen, öffentlich-rechtlichen und privaten Bereich eine sehr detaillierte Auswertung realer Krankenhausdaten aus dem ersten Halbjahr veröffentlicht:

https://www.initiative-qualitaetsmedizin.de/covid-19/analyse-der-effekte-der-sars-cov-2-pandemie-1

Zur Ermittlung der Daten wurden die Abrechnungscodes der Krankenhäuser, aus denen die Art der behandelten Krankheit hervorgeht, verwendet. Ziel der Untersuchung war es:

  • die tatsächliche Belastung der Krankenhäuser durch Covid-Patienten zu erfassen
  • einen Vergleich der Bettenbelegung 2019/2020 durchzuführen und
  • die Auswirkungen einer Covid-19 Infektion bei Krankenhausfällen mit anderen Atemwegserkrankungen im Jahresverlauf  zu vergleichen.

Die beteiligten Einrichtungen repräsentieren ca. ein Drittel aller deutschen Krankenhauskapazitäten. Der Vergleich verschiedener Indikatoren mit den bundesdeutschen Gesamtzahlen bestätigt, dass die Ergebnisse im Wesentlichen für ganz Deutschland gelten.

Ein paar Beispiele für die Ergebnisse der Studie:

  • Zwischen der Zahl der Covid-Neuinfektionen und der Aufnahmezahlen in ein Krankenhaus besteht ein Zeitversatz von ca. einer Woche.
  • Die Krankenhaussterblichkeit (Mortalität) der Covid-Fälle beträgt 19% (Todesfälle pro Krankenhausaufenthalt).
  • Die Krankenhaussterblichkeit steigt mit dem Alter stark an (<20 Jahre: 0,44%, >84 Jahre: 38,7%).
  • Auf Intensivstation mussten 25,6 % der Krankenhausfälle behandelt werden.
  • 32,2% der Patienten auf Intensivstation verstarben.

Dies entspricht landesweiten und auch internationalen Ergebnissen.

Ein überraschender Befund ist, dass von den insgesamt mit Covid aufgenommenen Patienten nur ein Viertel einen positiven PCR-Nachweis hatten. Alle anderen wurden nur aufgrund der Symptomatik als Covid-Patient eingestuft. Eine genauere Datenauswertung legt nahe, dass ca. ein Drittel dieser Patienten wirklich an Covid erkrankt war. Die anderen zwei Drittel hatten vermutlich eine andere Erkrankung. Die Autoren machen darauf aufmerksam, dass dies Auswirkungen auf die Abschätzung der Belastung der Intensivstationen, z.B. hinsichtlich der notwendigen Schutzmaßnahmen, hat und fordern, diese Befunde bei zukünftigen Erkrankungswellen zu berücksichtigen.

Im Verlauf des ersten Halbjahrs 2020 wurden in den Krankenhäusern zu jedem Zeitpunkt weniger Patienten mit schweren Atemwegsinfektionen behandelt als 2019 – trotz Covid-19 Pandemie. Auch die Belegung von Intensivstationen und die Anzahl künstlicher Beatmungen waren 2020 durchgängig nicht höher als 2019. Es gab also im ersten Halbjahr 2020 unter der Covid-Pandemie insgesamt keine höhere, sondern eher eine geringere Belastung der Krankenhäuser als 2019. Die Autoren regen dringlich an, die berichteten Fakten bei zukünftigen Entscheidung zur Steuerung der Pandemie zu berücksichtigen (und nicht nur die Neuinfektionszahlen).

Im Zusammenhang mit den Ergebnissen dieser Studie ergeben sich folgende Fragen:

  1. Hat sich das Verhältnis von PCR-positiven zu nur symptomatischen Covid-Fällen im Krankenhaus im Verlauf des neuerlichen Anstiegs geändert?
  2. Wird inzwischen bei der Behandlung und den Schutzmaßnahmen im Krankenhaus zwischen PCR-positiven und nur symptomatischen Patienten unterschieden?
  3. Sind die Befunde zur Gesamtauslastung der Krankenhäuser auch heute noch zutreffend und werden entsprechende Konsequenzen bei der Steuerung der Pandemie berücksichtigt?
  4. Werden die insgesamt in Deutschland vorhandenen Krankenhausdaten routinemäßig entsprechend der Methodik der vorliegenden Studie durch das RKI oder andere staatliche Stellen ausgewertet?
  5. Ist diese Studie dem Bundesgesundheitsministerium bekannt und wenn, wie stellt es sich dazu?

 

Ergänzung: Transparenz durch die Helios Kliniken

Seit dem 30. Oktober stellen die Helios Kliniken ihre Belegungsdaten zu Covid-Patienten in einem täglichen Update zur Verfügung. Zu Einordnung der Krankenhausbelegung in das lokale Infektionsgeschehen finden sich für jeden Standort die entsprechenden RKI-Daten.

 

Posted by Dorothea und Günther Redeker in Gesundheitspolitik

Fragen an die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten

Fragen an Politik

Wieder einmal gibt es ein Krisentreffen von Bundesregierung und Ministerpräsidenten zum Coronageschehen. Im Mittelpunkt wie stets: Neue Anordnungen, neue Reglungen für die Bevölkerung! Aus unserer Sicht bleiben die politisch Verantwortlichen seit vielen Wochen ihren Bürgerinnen und Bürgern Antworten zu vielen Fragen der Pandemiebekämpfung schuldig.

Antworten, die so konkret, spezifisch und datenbasiert sind, dass die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen und ihre Wichtigkeit bzw. Sinnhaftigkeit für die Pandemiebekämpfung erkennbar werden.

Im Folgenden einige Fragen, die sich aus den Erfahrungen der letzten Monate aufdrängen und für die wir Antworten erwarten:

  1. Warum gibt es eine Rückkehr zu bzw. Androhung von härteren Maßnahmen für Hotels und Restaurants, die Hygienemaßnahmen in großem Umfang vorgenommen haben, wenn laut Epidemiologischem Bulletin 38/2020 (Robert-Koch-Institut, RKI) in diesen Betrieben kaum Infektionsausbrüche vorgekommen sind?
  2. Welche belastbaren Belege für die Rolle von Schulen und Kitas für das Ausbruchsgeschehen gibt es, die drastische Maßnahmen in den Einrichtungen rechtfertigen würden (siehe z.B. Befunde im „Monatsbericht der Corona-KiTa-Studie“, September 2020 des RKI und des Deutschen Jugendinstituts, die eine geringe Beteiligung von Kindern am Infektionsgeschehen nahelegen)?
  3. Welche konkreten Maßnahmen zur Aufstockung der Pflegekräfte in Krankenhäusern werden verfolgt, damit diese nicht der begrenzende Faktor in der Versorgung von Covid- und anderen Patienten werden (der Mangel an Pflegekräften in Krankenhäusern ist seit Jahren ein Thema, über das viel geredet, bei dem aber wenig getan worden ist)?
  4. Warum wird eine Maskenpflicht im Freien angeordnet, wenn laut Aussage des RKI kaum Infektionsgeschehen im Freien registriert wurden (z.B. Epidemiologisches Bulletin 38/2020)?
  5. Werden zukünftig auch positive Entwicklungen der Pandemie angemessen kommuniziert werden, um die permanente psychologische Belastung der Bevölkerung durch worst-case Szenarien zu begrenzen (Beispiele: Reduktion der Todesfälle durch medikamentöse Maßnahmen wie Blutverdünner (Marcumar, ASS), Entzündungshemmer (Dexamethason), angemessenere Beatmungsmaßnahmen etc.)?
  6. Wie wird zukünftig verhindert, dass Maßnahmen angeordnet werden, die durch ihre Allgemeinheit kritische und unkritische Bereiche (z.B. größere private Feiern und Restaurants) gleichermaßen treffen (z.B.: genauer beschriebene Fallunterscheidungen mit dem Nachteil eines ausufernden Maßnahmenkatalogs; mehr Verantwortung auf Seiten der Bevölkerung durch datenbasierte (evidente) Kommunikation der Infektionsursachen)?
  7. Wann wird es eine abgestimmte Vorgehensweise zum Schutz von Alten- und Pflegeheimen geben, die Menschen nicht in der Isolation läßt?
  8. Welche Ideen und Ansätze gibt es, die jetzt schon entstandenen Kollateralschäden zu beziffern? Wie verhindert man die fortschreitende soziale Spaltung?
  9. Werden zukünftig die Erkenntnisse medizinischer Fachdisziplinen und Praktiker eine größere Rolle bei der Pandemiebekämpfung spielen, die zurzeit wenig Beachtung bei politischen Entscheidungen finden (Public Health, Lungenfachärzte, Immunologen, Intensivmediziner o.ä.)?
  10. Wann wird es eine gezielte Strategie zur Erhebung relevanter Daten zur Einschätzung des Infektionsgeschehens geben? Wo bleiben Studien, die der Regierung evidenzbasierte Entscheidungen ermöglichen anstelle mathematischer Modellierungen und Szenarientechniken?

Und die zentrale Frage am Ende:

  • Wie soll die Strategie zur Pandemiebekämpfung in den nächsten Monaten und Jahren aussehen, wenn es – entgegen den Hoffnungen der Politik – keinen oder einen nur begrenzt wirksamen Impfstoff in absehbarer Zeit geben sollte (Zahlreiche Experten haben sich seit Monaten skeptisch gezeigt, dass ein wirksamer, nebenwirkungsarmer Impfstoff in kurzer Zeit entwickelt und massenhaft bei Gesunden angewandt werden kann)?

Unsere Fragen sind Ausdruck eines großen Unbehagens über das Agieren der politischen Entscheidungsträger, das aus unserer Sicht in vielen Fällen Symbolcharakter hat und wenig sachorientiert ist. Sachorientiert in dem Sinne, dass mit Augenmaß der konkrete Nutzen der verordneten Maßnahmen gegenüber ihren negativen Auswirkungen abgewogen wird. Und dabei die organisatorischen Möglichkeiten und Erfahrungen der öffentlichen Verwaltung in die Waagschale wirft, sie erweitert und ausbaut anstatt sich auf ordnungspolitische Anordnungen zu konzentrieren.

 

 

Posted by Dorothea und Günther Redeker in Gesundheitspolitik

Public Health – Die unbekannte Disziplin

Virologen, Epidemiologen, Infektiologen, Modellierer – Experten aus Fachdisziplinen, die die meisten bis vor wenigen Monate kaum kannten, bestimmen die Berichterstattung im Coronageschehen. In erstaunlichem Tempo rücken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus hoch spezialisierten Fachgebieten in den medialen Fokus der Pandemiebekämpfung. Man klebt förmlich an ihren Lippen, lauscht ihren Podcasts, ihren Äußerungen in Interviews und Talkshows. Allmählich weicht die Neugier, das kollektive Aufsaugen bisher unbekannter medizinscher und naturwissenschaftlicher Sachverhalte, einer skeptischeren Sicht.

In diesen Tagen steigen die Infektionszahlen in unerwarteter Weise. Die bisher im Rampenlicht stehenden Experten werden stiller. Denn der Umgang mit epidemischen Geschehen ist weitaus komplexer als viele bisher wahrnehmen wollten. Der virologischen Sicht – das Virus durch Vermeidung von Begegnungen „auszuhungern“ – kann ein Epidemiologe nur begrenzt zustimmen. Viren verschwinden nicht einfach; manchmal wie im Fall der Russischen Grippen taucht ein vermeintlich inaktives, nicht mehr existierendes Virus nach Jahrzehnten wieder auf. Und aus Sicht der Infektiologie, der Modellierer gibt es keine eindeutige Erklärung, warum die Infektionszahlen in Gesamteuropa so deutlich steigen. Clusterereignisse spielen eine Rolle, doch erklären sie allein das Verbreitungsgeschehen?

So richtet sich der Blick zum ersten Mal auf eine Fachdisziplin namens  „Public Health“ – in unserem Land überwiegend unbekannt, obwohl Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde, das Robert Koch Institut, sich als als Public Health Institut bezeichnet. Die Definition der WHO zu „Public Health“ ist einfach wie anspruchsvoll. Public Health dient drei Zielen: a) Krankheiten zu verhindern b) das Leben zu verlängern und c) Gesundheit zu fördern. Public Health gelingt nur in einer Verbindung von Wissenschaft und Praxis und durch gemeinsame organisatorische Anstrengungen.  Public Health ist ein interdisziplinärer Auftrag, in den Praktiker und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen – keinesfalls nur naturwissenschaftlicher und medizinischer Disziplinen – ihr Wissen einbringen.Die Bekämpfung von Epidemien, ihre Prävention und die Erzeugung von relevantem Datenmaterial bilden den Kern eines der vielen Aufgabenbereiche von Public Health.

Mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des öffentlichen Gesundheitsdienstes gibt es in Deutschland eine Berufsgruppe, die seit vielen Jahrzehnten Public Health betreibt. Eher bescheiden und im Hintergrund, von der Politik weitgehend vergessen. Ihr Wissen ist nun gefragt, ihre Einschätzung – nicht als „Befehlsempfänger“ von Verordnungen, sondern als ordnende und abwägende Hand in einem – für weite Teile der Bevölkerung und der Politiker-  unübersichtlichen Geschehen. Die entscheidende Frage aus meiner Sicht ist dabei, welche Institution diese Erfahrungen bündelt, eine Strategie formuliert, regional angemessen und umsetzbar, wie in einer übergreifenden Sicht einheitlich. Es sollte die Rolle des RKI sein, doch die letzten Monate lassen mich daran zweifeln, ob die Bundesbehörde den notwenigen Mut und die erforderliche Nüchternheit aufbringt. Dem RKI wurden seit der Auflösung des Bundesgesundheitsamtes 1994 durch den damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer immer mehr Aufgaben zugeteilt – auch die Entwicklung zu einem Public Health Institut anstelle eines „Instituts zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten“. Hat es damit umgehen können?

Deutschland hat eine lange Tradition im öffentlichen Gesundheitswesen – wie es sich entwickelte, wie es sich unterscheidet vom angelsächsischen Public Health und wie es sich in der WHO-Definition wieder findet – darüber möchte ich nach und nach berichten.

 

 

Posted by Dorothea Redeker in Gesundheitspolitik

2020 – Die Infektion wird neu entdeckt

Wer sich schon einmal aus historischer Sicht mit Infektionskrankheiten beschäftigt hat, kommt in diesen Zeiten aus dem Staunen nicht heraus. Sars-CoV-2 stellt die Welt auf den Kopf. Medizinisch, gesellschaftlich, politisch. Traumatisierende Bilder aus Norditalien, eine WHO im Alarmmodus veranlassten die Regierungen weltweit zu Maßnahmen, die in ihrer ordnungspolitischen Schärfe sich niemand hätte vorstellen können. Infektionskrankheiten, Epidemien, gar Pandemien kamen bis vor wenigen Monaten im allgemeinen Bewusststein wohlhabender Länder nicht vor – sie gab es, ja, weit weg in Afrika, in Asien aber nicht bei uns. Tuberkulose, Kinderlähmung, Russische Grippe waren Begriffe aus der Vergangenheit der 1950er- und 60er-Jahre, HIV mittlerweile aus dem Fokus verschwunden. Entsprechend schlecht waren viele Länder auf das Thema vorbereitet, materiell, personell, organisatorisch und politisch. In Deutschland trotz einer Bundesbehörde wie dem Robert-Koch-Institut mit dem ausdrücklichen Auftrag epidemiologischen Sachverstand und Erkenntnisse im Falle einer gesundheitlichen Notsituation einzubringen.

Ich möchte dazu beitragen, die Vorgänge der letzten und der kommenden Monate aus einer gesundheitspolitischen Sicht aufzuarbeiten. Denn Vieles ist nicht neu: Im Gegenteil, manche Diskussionen und Aufregungen erinnern an das Ende des 19. Jahrhunderts, an die Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik und an die frühen Jahre der Bundesrepublik. Was mich aktuell verblüfft, ist die aufgeregte, kollektive (Neu)entdeckung gefährlicher Infektionskrankheiten, die unreflektierte Wissenschaftsgläubigkeit – und ich bin eine durch und durch überzeugte Wissenschaftlerin –  und der (politische) Glaube an Allheilmittel, wo die heutige, großartige Leistung von Ärzten, Kliniken und medizinischer Forschung darin besteht, die vielfältigen Krankheitsbilder differenziert zu betrachten und zu behandeln.

 

 

Posted by Dorothea Redeker in Gesundheitspolitik