Zahlen und Wahrheitsfindung?!

Zahlen bestimmen in Corona-Zeiten die Schlagzeilen. Munter werden absolute Zahlen (Neuinfektionen, Belegungsbetten), Relationen (Positivrate, Sterbeziffern), Verläufe (absolute Zahlen und Relationen im zeitlichen Vergleich) und Hochrechnungen (Modellierungen) durcheinander geworfen und je nach Seuchen-Überzeugungs-Standpunkt in die Diskussion eingebracht.

Die Stimme der Mathematiker zur Einordnung dieser Problematik hat lange auf sich warten lassen – nun mehren sich Berichte und Stellungnahmen von Wissenschaftlern, Praktikern und Bildungsforschern zur aktuellen Problematik.

https://www.zeit.de/2020/43/mathematik-olaf-koeller-mathe-schulunterricht-qualitaet

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-statistiken-zahlenblindheit-ist-gefaehrlich-auch-fuer-die-demokratie-a-00000000-0002-0001-0000-000173444549

Mathematik ist die Basiswissenschaft, um in allen Wissenschaftsdisziplinen Phänomene und Ereignisse zu beschreiben, zu erklären und Ansätze zur Interpretation und Formulierung vorliegender wie neuer Thesen zu liefern.  Mathematik allein taugt allerdings nicht zur „Wahrheitsfindung“. Weder in der Medizin noch in den Naturwissenschaften oder der Technik. Und noch weniger, wenn es darum geht soziales Miteinander abzubilden.

Das Zahlenwerk zur Pandemie bringt dazu zahllose Beispiele zu Tage: Welche Aussage haben Neuinfektionszahlen ohne Bezugsrahmen (z.B. Testanzahlen, Altersstruktur, Verbreitungsgeschehen), welche Aussage haben Kennziffern wie Sterbeziffern ohne die Definition und daraus resultierende Einschränkungen zu erwähnen, ohne vergleichbares Datenmaterial, welche Relevanz haben Modellierungen und Vorhersagen zum laufenden Geschehen, wenn die Einflussgrößen sich gegenseitig beeinflussen und in ihrem Wert unbekannt sind (Vorhersage der Entwicklung von Neuinfektionszahlen, deren Entwicklung vom Verhalten der Menschen abhängen; Vorhersage zur Entwicklung der Belegung von Intensivbetten ohne Einordnung in das jahreszeitliche Geschehen im Klinikumfeld)?

Olaf Köller, Partner eines sehr lesenswerten Interviews zur Bedeutung des Mathematikunterrichts, weist auf viele wichtige Dinge hin, mit seiner – sicher provokativ gewählten –  Schlussaussage: „Naturwissenschaftler, Mathematiker und Techniker werden die Welt retten“ liegt er allerdings nicht richtig. Interpretationen benötigen das Zusammenspiel aller Disziplinen und einen Diskurs untereinander. Voraussetzung: Die Disziplinen gehen davon aus, dass sie grundsätzlich gleichwertig sind. In einzelnen Phasen eines Geschehens wird Spezialwissen den Vorrang haben, in anderen eher interdisziplinär aufgestellte Bereiche. Auf die Coronakrise angewandt: Es gab die Zeit der Virologie, der Modellierer – im aktuellen pandemischen Geschehen schlägt die Stunde der Public Health-Spezialisten.

Posted by Dorothea Redeker