Einwürfe

Warum steigen aktuell die Covid-Neuinfektionen ?

Nachdem in der deutschen Corona-Epidemie ab Anfang November 2020 eine Seitwärtsbewegung der Neuinfektionen (positive PCR-Tests pro Tag) zu verzeichnen war, steigt die veröffentlichte Zahl der täglichen Neuinfektionen wieder an (Stand vom 09.12.2020). Es stellt sich die Frage, wie dieser erneute Anstieg erklärt werden kann.

Es erscheint unplausibel, allein das Verhalten der Bevölkerung für diese Entwicklung verantwortlich zu machen. Warum sollte sich nach vier Wochen Seitwärtsbewegung die Befolgung der Coronaregeln plötzlich verschlechtern? Insbesondere nach Ankündigung weiterer Beschränkungen des öffentlichen Lebens und der Drohung mit einem strengen Lockdown? Nach Ansicht der politischen Entscheider hatte dies in der bisherigen Pandemie mehrfach einen Rückgang der Neuinfektionen noch vor Inkrafttreten der Beschränkungen bewirkt (Verlangsamung/Rückgang der Neuinfektionen vor dem Frühjahrs-Lockdown; Abflachung der Kurve nach Ankündigung des „Lockdown Light“ Ende Oktober).

Eine Rolle könnten die seit ein paar Wochen erhältlichen Antigentests spielen. Sie sollen Testungen auf Coronaviren ermöglichen, ohne primär auf PCR-Tests angewiesen zu sein. Damit soll die Testkapazität und -frequenz insbesondere in Einrichtungen erhöht werden, bei denen die Gefahr einer Infektion erhöht ist oder Angehörige der vulnerablen Gruppen besonders häufig anzutreffen sind (Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Schulen etc.). Allerdings sind die verfügbaren Antigentests weniger zuverlässig als die PCR-Tests. Aufgrund der schlechteren Selektivität und der geringen Prävalenz in den zu testenden Gruppen werden häufig falsch-positive Ergebnisse erwartet (siehe Informationen des RKI hierzu).

Deshalb werden laut RKI nur solche positiven Antigentests in die Statistik der Neuinfektionen aufgenommen, die durch einen PCR-Test bestätigt werden (andernfalls hätte man bei der beabsichtigten Ausweitung der Corona-Testung durch Antigentests mit einem steilen Anstieg der falsch positiven Neuinfektionen zu rechnen). Trotzdem könnte der gerade angelaufene Einsatz von Antigentests den erstaunlichen Anstieg der Neuinfektionszahlen erklären, wie eine einfache Betrachtung zeigt (siehe Abb.):

Neuinfekte mit Antigentests

Illustration zur Zunahme der Neuinfektionen infolge der Erhöhung der Testkapazität durch (PCR-bestätigte) Antigentests

Die Zahl der Neuinfektionen in der Gesamtbevölkerung teilt sich ohne Antigentests auf in Neuinfektionen, die über PCR-Tests erkannt werden und Neuinfektionen, die im nicht getesteten Bevölkerungsteil geschehen (die also nicht registriert werden). Letztere stellen die Dunkelziffer dar. Werden bei konstanter Anzahl der reinen PCR-Tests zusätzlich Antigentests durchgeführt, werden Menschen als infiziert erkannt, die bisher Teil der Dunkelziffer sind. Es würde also zu einer Zunahme der registrierten Neuinfektionen kommen, ohne dass es eine Erhöhung der Neuinfektionen insgesamt gibt. Die Zahl der insgesamt benötigten PCR-Tests würde kaum steigen, da nur die positiven Antigentestresultate mit einem PCR-Test überprüft werden müssen.

Es wäre sogar ein Szenario denkbar, dass die Anzahl der Neuinfektionen in der Gesamtbevölkerung (leicht) sinkt, obwohl es mehr registrierte Neuinfektionen gibt. Dies wäre dann der Fall, wenn die Zahl der durch Antigentests erkannten Infektionen größer ist als der Rückgang der Gesamtzahl.

Eine getrennte Darstellung der Daten zum Antigen-Screening (Anzahl der durchgeführten Antigentests; Zahl der durch PCR bestätigten positiven Testresultate; Zahl der falsch-positiven Antigentests) zusammen mit den Zahlen der reinen PCR Tests (Anzahl der PCR-Tests ohne die Tests zur Bestätigung eines Antigen-Testresultats; Zahl der positiven PCR-Tests) würde helfen die hier dargestellte Erklärung für den aktuellen Anstieg der Neuinfektionen zu prüfen.

Zum Abschluss gilt es anzumerken, dass in den im Internet gezeigten Statistiken der Schweiz die PCR-Tests getrennt von den Antigentests aufgeführt werden. Dies hilft, das Infektionsgeschehen transparent zu halten und könnte als Anregung zur Information der Öffentlichkeit durch das RKI dienen.

Posted by Günther Schmelzeisen-Redeker in Beobachtungen, Einwürfe

Zahlen und Wahrheitsfindung?!

Zahlen bestimmen in Corona-Zeiten die Schlagzeilen. Munter werden absolute Zahlen (Neuinfektionen, Belegungsbetten), Relationen (Positivrate, Sterbeziffern), Verläufe (absolute Zahlen und Relationen im zeitlichen Vergleich) und Hochrechnungen (Modellierungen) durcheinander geworfen und je nach Seuchen-Überzeugungs-Standpunkt in die Diskussion eingebracht.

Die Stimme der Mathematiker zur Einordnung dieser Problematik hat lange auf sich warten lassen – nun mehren sich Berichte und Stellungnahmen von Wissenschaftlern, Praktikern und Bildungsforschern zur aktuellen Problematik.

https://www.zeit.de/2020/43/mathematik-olaf-koeller-mathe-schulunterricht-qualitaet

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-statistiken-zahlenblindheit-ist-gefaehrlich-auch-fuer-die-demokratie-a-00000000-0002-0001-0000-000173444549

Mathematik ist die Basiswissenschaft, um in allen Wissenschaftsdisziplinen Phänomene und Ereignisse zu beschreiben, zu erklären und Ansätze zur Interpretation und Formulierung vorliegender wie neuer Thesen zu liefern.  Mathematik allein taugt allerdings nicht zur „Wahrheitsfindung“. Weder in der Medizin noch in den Naturwissenschaften oder der Technik. Und noch weniger, wenn es darum geht soziales Miteinander abzubilden.

Das Zahlenwerk zur Pandemie bringt dazu zahllose Beispiele zu Tage: Welche Aussage haben Neuinfektionszahlen ohne Bezugsrahmen (z.B. Testanzahlen, Altersstruktur, Verbreitungsgeschehen), welche Aussage haben Kennziffern wie Sterbeziffern ohne die Definition und daraus resultierende Einschränkungen zu erwähnen, ohne vergleichbares Datenmaterial, welche Relevanz haben Modellierungen und Vorhersagen zum laufenden Geschehen, wenn die Einflussgrößen sich gegenseitig beeinflussen und in ihrem Wert unbekannt sind (Vorhersage der Entwicklung von Neuinfektionszahlen, deren Entwicklung vom Verhalten der Menschen abhängen; Vorhersage zur Entwicklung der Belegung von Intensivbetten ohne Einordnung in das jahreszeitliche Geschehen im Klinikumfeld)?

Olaf Köller, Partner eines sehr lesenswerten Interviews zur Bedeutung des Mathematikunterrichts, weist auf viele wichtige Dinge hin, mit seiner – sicher provokativ gewählten –  Schlussaussage: „Naturwissenschaftler, Mathematiker und Techniker werden die Welt retten“ liegt er allerdings nicht richtig. Interpretationen benötigen das Zusammenspiel aller Disziplinen und einen Diskurs untereinander. Voraussetzung: Die Disziplinen gehen davon aus, dass sie grundsätzlich gleichwertig sind. In einzelnen Phasen eines Geschehens wird Spezialwissen den Vorrang haben, in anderen eher interdisziplinär aufgestellte Bereiche. Auf die Coronakrise angewandt: Es gab die Zeit der Virologie, der Modellierer – im aktuellen pandemischen Geschehen schlägt die Stunde der Public Health-Spezialisten.

Posted by Dorothea Redeker in Einwürfe