Wenn Technokratie über Humanität siegt

GeSoLei 1926

Wer sich in der Medizingeschichte mit dem Gesundheitswesen der 1920-er Jahre beschäftigt, stößt rasch auf die Blüte des öffentlichen Gesundheitsdienstes Mitte des Jahrzehnts. Ihren öffentlich sichtbaren Höhepunkt fand sie 1926  in der Gesundheitsmesse GeSoLei (Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen). Mehr als 7 Millionen Menschen besuchten das Spektakel im neu errichteten Ausstellungsgelände am Düsseldorfer Rheinufer. Noch heute prägen die Bauten der Messe, wie Tonhalle und Rheinterrassen, das Stadtbild der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt. Im historischen Rückblick wird diese Entwicklung vielfach von einer scharfen Kritik an den technokratischen Ansätzen der Bevölkerungsmediziner begleitet. Viele Vertreter des Gesundheitsbeamtentums wären ausschließlich medizinisch-wissenschaftlich, zahlenorientiert und kontrollierend orientiert gewesen, so der Vorwurf. Zu wenige hätten sich für den Menschen als Individuum interessiert, sich für soziale Reformen eingesetzt, um auf diesem Weg nicht nur die miserable Gesundheitslage der Bevölkerung zu verbessern, sondern auch die Lebensverhältnisse jedes Einzelnen.

Und in der Tat waren die 1920- Jahre eine Zeit, in der viel ver- und gemessen wurde. Statistiken entstanden an zahllosen Stellen, in medizinischen Einrichtungen, in Kommunen, bei Landkreisen. Einheitliche Regeln zur Erfassung der Daten und Ableitung von Kenngrößen existierten allerdings kaum. Und dennoch dienten die Daten als Grundlage gesundheitspolitischer Vorschriften und Kontrolle. Auf Reichsebene war man zögerlicher. Das Reichsgesundheitsamt, 1876 als Kaiserliches Gesundheitsamt gegründet, war sich der Aufgabe bewusst, Medizinalstatistiken zu erstellen, aber kaum jemand kooperierte. In Berlin war man froh, Mitte der 1920-er eine erste reichsweite Statistik über die Ursachen von Todesfällen zusammentragen zu können.

Wenn man genauer hinschaut, wird das schwarz-weiß Bild der Kritiker – hier das technokratische Gesundheitsbeamtentum, dort der Sozialreformer – bunter. Viele Ärzte des öffentlichen Gesundheitswesens wussten zwischen statistisch-basierten Vorgaben, wissenschaftlicher Nüchternheit und Lebensalltag zu unterscheiden, kombinierten medizinische Erkenntnisse mit Erfahrungen aus der Praxis. Man entwickelte eigene „Fürsorgekonzepte“, ließ den Kontrollansatz hinter sich, betrieb Aufklärung und Prävention, insbesondere um die Verbreitung der Tuberkulose, einer ansteckenden und damals nicht heilbaren Infektionskrankheit, in den Griff zu bekommen – die kommunalen Trägerschaften und/oder verantwortlichen Landräte ließen dafür Raum.

In unserem heutigen Gesundheitssystem stehen nicht mehr bevölkerungspolitische Entscheidungen im Mittelpunkt, sondern das Individuum und seine Gesundheit. Bis SARS Cov-2 in unser Leben trat. In einer ungeahnten Geschwindigkeit mutierten wir von Individuen zu einer Schicksalsgemeinschaft, deren Wohlergehen sich alles andere unterzuordnen hatte. Am Anfang agierten die politisch Verantwortlichen verständlicherweise hilflos und diffus. Man – mich eingeschlossen – ließ sich von Bildern aus Wuhan und, uns noch viel näher, aus Bergamo leiten, brauchte Zeit zur Orientierung. Fast alle waren bereit zu Social Distancing, erweiterten Hygienemaßnahmen, akzeptierten Maskenpflicht an Orten intensiver Begegnung. Doch mit unserer Akzeptanz, mit unserer, rational wie emotional nachvollziehbaren Gefolgschaft, setzte die Politik alle demokratischen Regeln außer Kraft. Drohender Gesundheitsnotstand, Schutz der vulnerablen Gruppen, Solidarität – wer sagt dazu schon Nein? Wer möchte schon den Tod seiner Nächsten, der Kollegen, der Nachbarn verantworten? Und manchmal hatte man auch selbst Sorge, zu den Gefährdeten zu gehören. Die Medien ließen nicht locker, berichteten fortlaufend und manchmal mit prickelndem Genuss über junge Verstorbene, obwohl recht schnell klar war, dass vor allem ältere Menschen erkrankten und starben, referierten über Langzeitfolgen, als die Krankheit erst wenige Monate bekannt war. Kaum ein Journalist hinterfragte die Maßnahmen, im Gegenteil man hüllte die politischen Entscheidungen in eine moralische Wolke, betrieb Regierungspolitik vom Feinsten.  Als ehemalige Krebspatientin schaute ich dem Treiben mit immer mehr Kopfschütteln zu. Gab es jetzt die Zwei-Klassen Kranken und Toten – die zu bedauernden Covid-Toten und den Rest? Hatte es noch nie schlimme Krankheiten mit Langzeitfolgen gegeben? Waren noch nie junge Menschen an Infektionskrankheiten plötzlich und tragisch verstorben? Worin sah die Politik ihre Aufgabe? An wem, an welchen Fachleuten würde sie sich orientieren?

Ich war ein wenig naiv, war überzeugt, die Regierungen in Berlin und den Ländern würden zunächst ihre eigenen Experten befragen – die Gesundheitsämter vor Ort oder die Public Health-Spezialisten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Also die Mediziner, die Praxis, Know-how über örtliche Gegebenheiten und Wissen über die Bekämpfung von Epidemien miteinander kombinieren konnten. Ja, die Gesundheitsämter waren durchaus gefragt, als Contact-Tracing-Anstalt, als operative Einheit, aber nicht als kompetente Berater. Stattdessen umgab sich die Politik mit Experten aus dem medizinisch-akademischen Umfeld. Und entdeckte das mathematische Modell des Social-Distancing. Der Mensch als Punkt im sozialen Beziehungsgeflecht. Ein Modell, das sich wunderbar in Analogie zur Verbreitung des Virus setzen lässt. Wir wurden zu Virenpunkten – je weniger Vernetzung, desto geringer die Übertragung. Nach diesem Modell musste man lediglich alle sozialen Punkte vereinzeln. Die Modellierer aus der akademischen Welt lieferten die wissenschaftliche Aura für diesen Ansatz, bildeten fortan den Kern der politischen Beratung. Ich musste an den Technokratievorwurf der Medizinhistoriker denken. Die damaligen Gesundheitsbeamten hatten Daten recht unterschiedlicher Qualität genutzt, manche Big-Data-Träume gesponnen, doch wären sie jemals auf die Idee gekommen, mit einem solch schlichten Modell zu arbeiten? Hätten sie einem Ansatz zugestimmt, der jeden Kontakt als gleichwertig wertet? Gab es nicht Abstufungen, Möglichkeiten Kontakte aufrecht zu erhalten, von denen man wusste, dass sie nicht zur Verbreitung beitragen oder von denen nur eine geringe Wahrscheinlichkeit ausging? Hätten sie dieses Modell als Grundlage einer wirkungsvollen Epidemiebekämpfung gewählt? Mediziner, die Epidemien kannten, die täglich mit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten zu tun hatten und die sozialen, wie medizinischen Folgen ihres Handelns sahen und zu verantworten hatten? Die Antwort kenne ich nicht, aber bei der Fragestellung wurde mir deutlich, wie ungeheuer schlicht, effektiv und grandios dieses Modell für die politische Verantwortungslogik ist: Wenn sich die Epidemie weiter ausbreitete, konnte die Spirale der Kontaktverbote nach oben geschraubt werden. Schuld war fortan immer die Bevölkerung, die die Regeln zur Vereinzelung nicht einhält und die Politik zu strengeren Maßnahmen zwingt.  Im Falle eines positiven Ausgangs war die Bevölkerung dankbar für jede Lockerung. Die Politik war unangreifbar – dank eines rein technokratischen Ansatzes, von den Medien dankenswerterweise in moralische Hüllen verpackt.

Ich höre die Einwände. Was hätte man denn anderes tun können? Es ist doch der einzig machbare Weg. Sozusagen alternativlos. Menschen sind dumm, verantwortungslos – man braucht einfach Verbote.

Und wieder denke ich an die Mediziner in den 1920-er Jahren. Sie waren sicher keine Helden; ihr Denken wäre aber praktischer gewesen. Wahrscheinlich hätten sie diese Epidemie, deren Leid fast ausschließlich eine Gruppe betrifft, an dieser Stelle, an diesen Orten bekämpft. So wie es viele verantwortungsvolle Menschen auch heute gefordert und dazu Konzepte vorgelegt haben. Unsere Politiker wählten einen technokratischen Ansatz – es lässt sich leichter mit Zahlen regieren als mit konkreter Hilfe vor Ort. Human ist dieses Denken nicht.

Posted by Dorothea Redeker