Monat: Oktober 2020

Zahlen und Wahrheitsfindung?!

Zahlen bestimmen in Corona-Zeiten die Schlagzeilen. Munter werden absolute Zahlen (Neuinfektionen, Belegungsbetten), Relationen (Positivrate, Sterbeziffern), Verläufe (absolute Zahlen und Relationen im zeitlichen Vergleich) und Hochrechnungen (Modellierungen) durcheinander geworfen und je nach Seuchen-Überzeugungs-Standpunkt in die Diskussion eingebracht.

Die Stimme der Mathematiker zur Einordnung dieser Problematik hat lange auf sich warten lassen – nun mehren sich Berichte und Stellungnahmen von Wissenschaftlern, Praktikern und Bildungsforschern zur aktuellen Problematik.

https://www.zeit.de/2020/43/mathematik-olaf-koeller-mathe-schulunterricht-qualitaet

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-statistiken-zahlenblindheit-ist-gefaehrlich-auch-fuer-die-demokratie-a-00000000-0002-0001-0000-000173444549

Mathematik ist die Basiswissenschaft, um in allen Wissenschaftsdisziplinen Phänomene und Ereignisse zu beschreiben, zu erklären und Ansätze zur Interpretation und Formulierung vorliegender wie neuer Thesen zu liefern.  Mathematik allein taugt allerdings nicht zur „Wahrheitsfindung“. Weder in der Medizin noch in den Naturwissenschaften oder der Technik. Und noch weniger, wenn es darum geht soziales Miteinander abzubilden.

Das Zahlenwerk zur Pandemie bringt dazu zahllose Beispiele zu Tage: Welche Aussage haben Neuinfektionszahlen ohne Bezugsrahmen (z.B. Testanzahlen, Altersstruktur, Verbreitungsgeschehen), welche Aussage haben Kennziffern wie Sterbeziffern ohne die Definition und daraus resultierende Einschränkungen zu erwähnen, ohne vergleichbares Datenmaterial, welche Relevanz haben Modellierungen und Vorhersagen zum laufenden Geschehen, wenn die Einflussgrößen sich gegenseitig beeinflussen und in ihrem Wert unbekannt sind (Vorhersage der Entwicklung von Neuinfektionszahlen, deren Entwicklung vom Verhalten der Menschen abhängen; Vorhersage zur Entwicklung der Belegung von Intensivbetten ohne Einordnung in das jahreszeitliche Geschehen im Klinikumfeld)?

Olaf Köller, Partner eines sehr lesenswerten Interviews zur Bedeutung des Mathematikunterrichts, weist auf viele wichtige Dinge hin, mit seiner – sicher provokativ gewählten –  Schlussaussage: „Naturwissenschaftler, Mathematiker und Techniker werden die Welt retten“ liegt er allerdings nicht richtig. Interpretationen benötigen das Zusammenspiel aller Disziplinen und einen Diskurs untereinander. Voraussetzung: Die Disziplinen gehen davon aus, dass sie grundsätzlich gleichwertig sind. In einzelnen Phasen eines Geschehens wird Spezialwissen den Vorrang haben, in anderen eher interdisziplinär aufgestellte Bereiche. Auf die Coronakrise angewandt: Es gab die Zeit der Virologie, der Modellierer – im aktuellen pandemischen Geschehen schlägt die Stunde der Public Health-Spezialisten.

Posted by Dorothea Redeker in Einwürfe

Länderübergreifende Gemeinsamkeiten im Corona-Verlauf

Zurzeit (17.10.2020) steigt die Zahl der täglich neuen Positiv-Testungen (Neuinfektionen pro Tag) auf Corona in Deutschland steil an. Es werden ähnliche Infektionsraten wie zu Beginn der Epidemie gemessen. Gleichzeitig gibt es – glücklicherweise – erheblich weniger Todesfälle pro Tag als im Frühjahr.

Schaut man sich die Verläufe der Neuinfektionen und Todesfälle pro Tag in anderen Ländern Westeuropas an, verblüfft die große Ähnlichkeit der Kurven. In der folgenden Abbildung sind die Verläufe von Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, Niederlande und Großbritannien gezeigt (Quelle: Dashboard der Johns-Hopkins-Universität; Stand vom 17.10.2020).

Es ist zu beachten, dass die Skalierung der Grafiken unterschiedlich ist! Wichtig ist hier die Form der Kurven.

Verlauf der Neuinfektionen und Todesfälle pro Tag in verschiedenen Ländern Eurpoas

Verlauf der Neuinfektionen und Todesfälle pro Tag in verschiedenen Ländern Eurpoas

Bei Unterschieden im Detail (z.B. Zeitpunkt und Stärke des neuerlichen Anstiegs der beiden Verläufe) ist allen gemeinsam, dass es momentan – zum Teil deutlich – mehr Neuinfektionen pro Tag als im Frühjahr gibt, aber trotzdem in allen Ländern pro Tag erheblich weniger Menschen an oder mit Corona versterben.

Dieser Befund ist umso merkwürdiger als die Rahmenbedingungen in den Ländern zum Teil sehr unterschiedlich sind:

– Umfang, Härte und Zeitpunkt bzw. Zeitdauer der Anti-Corona Maßnahmen
– Alters- und Familienstruktur der Bevölkerung
– kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede
– Organisation und Leistungsfähigkeit der Gesundheitssysteme etc.

Auch wenn der erfreuliche Rückgang der Todeszahlen mit der Altersstruktur der Erkrankten (mehr junge Menschen) oder mit verbesserten Behandlungsmethoden in den Krankenhäusern zusammen hängen mag, bleibt die Frage, warum die Länder so große Gemeinsamkeiten in den beiden Verläufen zeigen.

In diesem Zusammenhang ist eine Untersuchung des National Bureau of Economic Research (Cambridge, MA, USA) vom August 2020 interessant, in der die Verläufe der täglichen Neuinfektionen und Todesfälle von 24 Ländern weltweit und 25 Staaten der USA verglichen wurden (zu diesem Zeitpunkt gab es in den untersuchten Ländern noch keinen deutlichen Anstieg der Neuinfektionen). Die Autoren fanden auch in diesem größeren Ländervergleich verblüffende Gemeinsamkeiten. In der Publikation wird auch über mögliche Ursachen für den erstaunlichen „Gleichlauf“ spekuliert (erhöhte Vorsicht der Bevölkerung innerhalb einer Epidemie; Zusammenrücken vertrauter Gruppen bei gleichzeitiger Distanz zu Fremden; bisher unbekannte biologische Faktoren).

In Europa findet man allerdings auch Länder mit einem gänzlich anderen Verlauf, bei dem Todeszahlen und Neuinfektionen einen parallelen Verlauf zeigen (z.B. Rumänien).

Es wäre wünschenswert, dass man von wissenschaftlicher Seite die Ursachen des beobachteten Ländergleichlaufs untersucht, da dies Einfluss auf die politischen Entscheidungen im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie haben kann.

Quellen:
Dashboard Johns-Hopkins-Universität: https://www.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6
PDF-Dokument „FOUR STYLIZED FACTS ABOUT COVID-19“ des NATIONAL BUREAU OF ECONOMIC RESEARCH: https://www.nber.org/papers/w27719

Posted by Günther Schmelzeisen-Redeker in Beobachtungen

Best-Case/Worst-Case: das blinde Auge der Politik in der Corona-Epidemie

Politische Entscheidungen sollten idealerweise ausgewogen und in sich konsistent sein – zugegeben eine Forderung, die in der Realität nur selten erfüllt werden kann. Im Umgang mit der Corona-Pandemie fallen eine Menge Inkonsistenzen auf. Eine davon ist der widersprüchliche Umgang mit Risikoerwartungen.

Die politischen Entscheider betrachten bei der Einschätzung der Corona-Risiken fast ausschließlich Worst-Case Szenarien – bevorzugt anhand von Modellrechnungen, die Vorhersagen über die Entwicklung der Epidemie machen wollen, obwohl viele Modellparameter auf unsicheren Füßen stehen. Aufgrund dieser Szenarien werden Handlungsempfehlungen gegeben bzw. -anweisungen getroffen. Im Sinne eines „besser zu viel als zu wenig getan“ mag das nachvollziehbar sein – allerdings müssen dann die Folgen für alle Lebensbereiche berücksichtigt werden.

Merkwürdigerweise gilt für die Erwartungen an einen Impfstoff und seine Verwendung als „Game Changer“ in der Corona-Krise genau das Gegenteil. Seit Beginn der Epidemie werden wir damit vertröstet, dass eine Impfung alle Probleme hinweg fegen wird. Alle Bedenken aus der Wissenschaft, ob es einen Impfstoff geben wird, der geringe Nebenwirkungen, hohe Wirksamkeit und Massenverfügbarkeit in sich vereinigt, werden offenbar nicht wahrgenommen. Es wird also ein Best-Case Szenario verfolgt.

Würde man das Risiko der Impfstoffentwicklung ebenso mit einem Worst-Case Szenario betrachten, könnte man der Frage, wie man die Corona-Krise ohne wirksamen Impfstoff managen will, nicht mehr ausweichen. Es wäre an der Zeit, sich auch mit diesem Szenario ernsthaft auseinander zu setzen und Lösungsstrategien zu entwerfen, ohne dass das öffentliche Leben auf Jahre hinaus zum Erliegen kommt. Konsequenzen der Corona-Bekämpfung für alle Lebensbereiche müssten dann so gegeneinander abgewogen werden, dass das Leben für alle Bevölkerungsgruppen auf Dauer lebenswert bleibt. Und wenn es doch eine – vermutlich nicht ideale – Impfung geben sollte: umso besser…

Posted by Günther Schmelzeisen-Redeker in Beobachtungen

2020 – Die Infektion wird neu entdeckt

Wer sich schon einmal aus historischer Sicht mit Infektionskrankheiten beschäftigt hat, kommt in diesen Zeiten aus dem Staunen nicht heraus. Sars-CoV-2 stellt die Welt auf den Kopf. Medizinisch, gesellschaftlich, politisch. Traumatisierende Bilder aus Norditalien, eine WHO im Alarmmodus veranlassten die Regierungen weltweit zu Maßnahmen, die in ihrer ordnungspolitischen Schärfe sich niemand hätte vorstellen können. Infektionskrankheiten, Epidemien, gar Pandemien kamen bis vor wenigen Monaten im allgemeinen Bewusststein wohlhabender Länder nicht vor – sie gab es, ja, weit weg in Afrika, in Asien aber nicht bei uns. Tuberkulose, Kinderlähmung, Russische Grippe waren Begriffe aus der Vergangenheit der 1950er- und 60er-Jahre, HIV mittlerweile aus dem Fokus verschwunden. Entsprechend schlecht waren viele Länder auf das Thema vorbereitet, materiell, personell, organisatorisch und politisch. In Deutschland trotz einer Bundesbehörde wie dem Robert-Koch-Institut mit dem ausdrücklichen Auftrag epidemiologischen Sachverstand und Erkenntnisse im Falle einer gesundheitlichen Notsituation einzubringen.

Ich möchte dazu beitragen, die Vorgänge der letzten und der kommenden Monate aus einer gesundheitspolitischen Sicht aufzuarbeiten. Denn Vieles ist nicht neu: Im Gegenteil, manche Diskussionen und Aufregungen erinnern an das Ende des 19. Jahrhunderts, an die Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik und an die frühen Jahre der Bundesrepublik. Was mich aktuell verblüfft, ist die aufgeregte, kollektive (Neu)entdeckung gefährlicher Infektionskrankheiten, die unreflektierte Wissenschaftsgläubigkeit – und ich bin eine durch und durch überzeugte Wissenschaftlerin –  und der (politische) Glaube an Allheilmittel, wo die heutige, großartige Leistung von Ärzten, Kliniken und medizinischer Forschung darin besteht, die vielfältigen Krankheitsbilder differenziert zu betrachten und zu behandeln.

 

 

Posted by Dorothea Redeker in Gesundheitspolitik