Monat: November 2020

Wie funktionieren RNA-Impfstoffe?

Die Suche nach Impfstoffen gegen das SARS-Cov-2 Virus läuft auf Hochtouren. Insbesondere die Verwendung von RNA (Ribonucleic Acid; deutsch: RNS, Ribonukleinsäure) steht im Fokus des öffentlichen Interesses. Am 9. Nov. 2020 haben die Pharmafirmen Pfizer und BioNTech erste Erfolge in einer Phase 3 Studie eines RNA-Impfstoffs bekannt gegeben. Auch andere Firmen setzen auf diesen Impfansatz. Doch was zeichnet RNA-Impfstoffe aus und warum sind sie besonders interessant?

Vereinfachte Darstellung einer Immunantwort

Vereinfachte Darstellung der Vorgänge einer primären Immunantwort (Quelle: Wikipedia)

Wie funktioniert das menschliche Immunsystem?

Das menschliche Immunsystem basiert darauf, dass körperfremde Substanzen durch sog. Antikörper oder Immunzellen erkannt und anschließend vernichtet werden. „Körperfremd“ können sowohl Einzelsubstanzen als auch Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze sein. Viren und Co. können anhand spezifischer Moleküle erkannt werden, die sie auf ihrer Oberfläche tragen. Dazu werden die Krankheitserreger von speziellen Immunzellen aufgenommen und in ihre Bestandteile zerlegt (sozusagen „verdaut“). Diese Bestandteile (sie werden Antigene genannt) werden zusammen mit speziellen körpereigenen Molekülen (MHC I und MHC II; wichtig für die Unterscheidung zwischen fremden und körpereigenen Stoffen) in die Oberfläche der Immunzellen eingelagert. Dort können sie von Antikörpern und anderen Immunzellen entdeckt und als fremd erkannt werden. Wichtig dabei: In unserem Körper gibt es für praktisch jede Fremdsubstanz (Antigen) einen Vorrat von – spezifisch auf sie reagierenden – Antikörpern und Immunzellen. Dieser Vorrat wird bereits in der Kindheit bei der Reifung des Immunsystems angelegt und hält ein ganzes Leben.

Über eine komplizierte Kaskade von Folgereaktionen wird das Immunsystem durch massenhafte Vermehrung der Antikörper und der Immunzellen fit gemacht, um das Virus im gesamten Körper zu erkennen und zu vernichten. Wird eine Fremdsubstanz zum ersten Mal vom Immunsystem erkannt, dauert die Aktivierung des Immunsystems einige Tage bis Wochen. Während der akuten Abwehrreaktion werden sog. Gedächtniszellen produziert, die erheblich langlebiger sind als die Antikörper. Kommt es zu einem neuerlichen Kontakt mit der Fremdsubstanz (dem Antigen des Virus), werden die Gedächtniszellen sehr schnell massenhaft vermehrt, sodass die Aktivierung des Immunsystems viel schneller als beim Erstkontakt erfolgt. Krankheitserreger werden vernichtet bevor sie sich im Körper vermehren können. Dies ist gemeint, wenn man sagt „Ich bin Immun gegen ein Virus“.

Wie funktionieren konventionelle Impfstoffe?

Herkömmliche Impfstoffe bestehen aus abgetöteten oder in ihrer krankmachenden Eigenschaft abgeschwächten Viren oder Bakterien. Zum Teil werden auch nur Antigene zur Immunisierung benutzt. Insgesamt ist die Immunisierung eine komplizierte Angelegenheit. Die Aktivierung des Immunsystems hängt von vielen Faktoren ab und kann unterschiedlich gut gelingen. Zudem ist es wichtig, keine „überlebenden“ Viren/Bakterien im Impfstoff zu haben – sonst besteht die Gefahr, dass die Krankheit wegen der Impfung ausbricht. Um die Wirksamkeit, die Dosierung, die möglichen Nebenwirkungen und die Dauer des Impfschutzes verlässlich zu bestimmen, dauert die Zulassung eines Impfstoffes normalerweise mehrere Jahre. Insbesondere die Burteilung von Nebenwirkungen und Wirkamkeitsdauer kann nicht ohne Risiko merkbar verkürzt werden.

Was machen RNA-Impfstoffe anders?

RNA – genauer: mRNA – wird von Zellen benutzt, um Eiweißmoleküle (Proteine) zu produzieren. Normalerweise entsteht ein mRNA-Molekül, weil die Zelle ein bestimmtes Protein herstellen will. Dazu wird der Bauplan für das Protein von der DNA, in der die Baupläne für alle Proteine der Zelle enthalten sind, in ein mRNA-Molekül kopiert. Dieses bewegt sich zu den Proteinfabriken der Zelle (den Ribosomen), wo anhand seines Bauplans das entsprechende Protein zusammengebaut wird.

Dieser normale Vorgang in unseren Körperzellen wird bei der RNA-Impfung ausgenutzt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Impfstoffen wird nicht das Antigen oder der abgeschwächte bzw. abgetötete Krankheitserreger selbst für die Impfung verwendet, sondern ein RNA-Strang, der den Bauplan für das Antigen enthält. Wichtig zu wissen: Antigene von Krankheitserregern sind fast immer Proteine.

Wenn man also mRNA mit dem Bauplan für das Antigen künstlich (im Labor) herstellt und sie in Körperzellen einschleusen kann, wird das Antigen in der Zelle durch die zelleigenen Proteinfabriken synthetisiert und an der Zelloberfläche dem Immunsystem präsentiert. Damit ist man genau da angelangt, wo auch die konventionelle Immunisierung hin will. Wenn alles gut geht, wird eine Immunisierung gegen das Antigen und damit den Krankheitserreger erreicht.

Die Stärke der Immunantwort hängt u.a. davon ab, welches Antigen des Krankheitserregers man produzieren lässt (ein Virus oder Bakterium hat viele verschiedene Antigene), wie gut man mRNA in die Zellen hineinbekommt (oft wird mRNA in winzige Fettkügelchen – Lipidnanopartikel (LNP) genannt – eingeschlossen, die den Transfer in die Zelle ermöglichen), wie schnell eine mRNA in der Zelle abgebaut wird etc.

Zudem besteht die Gefahr, dass es bei übermäßiger Produktion des Antigens zu einer Autoimmunreaktion kommen kann, bei der das Immunsystem so stark angeregt wird, dass es körpereigenes Gewebe angreift. Es gibt verschiedene Maßnahmen, um diese Gefahr zu minimieren. Wie bei der Entwicklung herkömmlicher Impfstoffe muss die Dosierung, die Wirksamkeit, die Nebenwirkungen und die Dauer der Immunisierung in klinischen Studien bestimmt werden.

Welche Vorteile hat die RNA-Immunisierung?

  • Das Verfahren stellt eine universelle Methode für die Immunisierung gegen alle möglichen Krankheitserreger dar. Mit den heutigen Methoden der DNA-Sequenzierung von Viren bzw. Bakterien können mögliche Antigene rasch identifiziert werden. Die Synthese der entsprechenden Antigen-RNA ist schnell und in großen Mengen möglich und gilt als relativ kostengünstig.
  • Eine „Entgleisung“ von herkömmlichen Tod- oder Lebendimpfstoffen mit nachfolgendem Ausbruch der Erkrankung, gegen die geimpft wird, ist prinzipiell ausgeschlossen. Denn es wird nur ein (kleiner) Bestandteil des Erregers produziert, der die Krankheit nicht auslösen kann.

Insgesamt ist die RNA-Immunisierung eine geniale Idee, die ein großes Potential für die Impfung gegen alle möglichen Krankheitserreger hat. Im Gegensatz zur Entwicklung herkömmlicher Impfstoffe muss keine individuelle Methodenentwicklung zur Vermehrung und Abtötung/Abschwächung der Krankheitserreger durchgeführt werden. Vereinfacht gasagt: man hat ein gemeinsames Rezept zur Impfstoff-Entwicklung und muss nicht viele verschiedene Rezepte ausprobieren.

Aufgrund der Neuheit der Methode und der Tatsache, dass es bisher noch keinen zugelassenen RNA-Impfstoff gibt, muss aber eine sorgfältige Prüfung eines Impfstoffs – insbesondere auf schwere Nebenwirkungen – durchgeführt werden (bei früheren Impfstoff-Entwicklungen hat es mehrfach große Probleme mit Nebenwirkungen bzw. Produktionsfehlern gegeben, die zur oft beklagten Impfskepsis beigetragen haben). Zu beachten ist, dass die Ermittlung von langfristigen Nebenwirkungen und der Wirkdauer der Impfung Zeit braucht und nicht beliebig durch Massentestung oder andere Maßnahmen abgekürzt werden kann. Dies gilt – trotz des immensen Zeitdrucks – auch für die Impfstoffe gegen SARS-Cov-2.

Posted by Günther Schmelzeisen-Redeker in Grundsätzliches

Auslastung der Krankenhäuser in Deutschland durch Covid-19

Vergleich Belegung Intensivbetten 2019 zu 2020

Quelle: Initiative Qualitätsmedizin
https://www.initiative-qualitaetsmedizin.de/covid-19/analyse-der-effekte-der-sars-cov-2-pandemie-1

 

Zurzeit spielen bei der Beurteilung des Verlaufs der Covid-19 Pandemie vor allem Modellrechnungen eine Rolle. So ist auch die Verhängung eines Wellenbrecher-Lockdowns ab dem 2. November 2020 nach Angaben der Bundesregierung auf Basis von Modellrechnungen erfolgt.

Nun hat die „Initiative Qualitätsmedizin“, ein Zusammenschluss von 421 deutschen Krankenhäusern aus dem universitären, freigemeinnützigen, öffentlich-rechtlichen und privaten Bereich eine sehr detaillierte Auswertung realer Krankenhausdaten aus dem ersten Halbjahr veröffentlicht:

https://www.initiative-qualitaetsmedizin.de/covid-19/analyse-der-effekte-der-sars-cov-2-pandemie-1

Zur Ermittlung der Daten wurden die Abrechnungscodes der Krankenhäuser, aus denen die Art der behandelten Krankheit hervorgeht, verwendet. Ziel der Untersuchung war es:

  • die tatsächliche Belastung der Krankenhäuser durch Covid-Patienten zu erfassen
  • einen Vergleich der Bettenbelegung 2019/2020 durchzuführen und
  • die Auswirkungen einer Covid-19 Infektion bei Krankenhausfällen mit anderen Atemwegserkrankungen im Jahresverlauf  zu vergleichen.

Die beteiligten Einrichtungen repräsentieren ca. ein Drittel aller deutschen Krankenhauskapazitäten. Der Vergleich verschiedener Indikatoren mit den bundesdeutschen Gesamtzahlen bestätigt, dass die Ergebnisse im Wesentlichen für ganz Deutschland gelten.

Ein paar Beispiele für die Ergebnisse der Studie:

  • Zwischen der Zahl der Covid-Neuinfektionen und der Aufnahmezahlen in ein Krankenhaus besteht ein Zeitversatz von ca. einer Woche.
  • Die Krankenhaussterblichkeit (Mortalität) der Covid-Fälle beträgt 19% (Todesfälle pro Krankenhausaufenthalt).
  • Die Krankenhaussterblichkeit steigt mit dem Alter stark an (<20 Jahre: 0,44%, >84 Jahre: 38,7%).
  • Auf Intensivstation mussten 25,6 % der Krankenhausfälle behandelt werden.
  • 32,2% der Patienten auf Intensivstation verstarben.

Dies entspricht landesweiten und auch internationalen Ergebnissen.

Ein überraschender Befund ist, dass von den insgesamt mit Covid aufgenommenen Patienten nur ein Viertel einen positiven PCR-Nachweis hatten. Alle anderen wurden nur aufgrund der Symptomatik als Covid-Patient eingestuft. Eine genauere Datenauswertung legt nahe, dass ca. ein Drittel dieser Patienten wirklich an Covid erkrankt war. Die anderen zwei Drittel hatten vermutlich eine andere Erkrankung. Die Autoren machen darauf aufmerksam, dass dies Auswirkungen auf die Abschätzung der Belastung der Intensivstationen, z.B. hinsichtlich der notwendigen Schutzmaßnahmen, hat und fordern, diese Befunde bei zukünftigen Erkrankungswellen zu berücksichtigen.

Im Verlauf des ersten Halbjahrs 2020 wurden in den Krankenhäusern zu jedem Zeitpunkt weniger Patienten mit schweren Atemwegsinfektionen behandelt als 2019 – trotz Covid-19 Pandemie. Auch die Belegung von Intensivstationen und die Anzahl künstlicher Beatmungen waren 2020 durchgängig nicht höher als 2019. Es gab also im ersten Halbjahr 2020 unter der Covid-Pandemie insgesamt keine höhere, sondern eher eine geringere Belastung der Krankenhäuser als 2019. Die Autoren regen dringlich an, die berichteten Fakten bei zukünftigen Entscheidung zur Steuerung der Pandemie zu berücksichtigen (und nicht nur die Neuinfektionszahlen).

Im Zusammenhang mit den Ergebnissen dieser Studie ergeben sich folgende Fragen:

  1. Hat sich das Verhältnis von PCR-positiven zu nur symptomatischen Covid-Fällen im Krankenhaus im Verlauf des neuerlichen Anstiegs geändert?
  2. Wird inzwischen bei der Behandlung und den Schutzmaßnahmen im Krankenhaus zwischen PCR-positiven und nur symptomatischen Patienten unterschieden?
  3. Sind die Befunde zur Gesamtauslastung der Krankenhäuser auch heute noch zutreffend und werden entsprechende Konsequenzen bei der Steuerung der Pandemie berücksichtigt?
  4. Werden die insgesamt in Deutschland vorhandenen Krankenhausdaten routinemäßig entsprechend der Methodik der vorliegenden Studie durch das RKI oder andere staatliche Stellen ausgewertet?
  5. Ist diese Studie dem Bundesgesundheitsministerium bekannt und wenn, wie stellt es sich dazu?

 

Ergänzung: Transparenz durch die Helios Kliniken

Seit dem 30. Oktober stellen die Helios Kliniken ihre Belegungsdaten zu Covid-Patienten in einem täglichen Update zur Verfügung. Zu Einordnung der Krankenhausbelegung in das lokale Infektionsgeschehen finden sich für jeden Standort die entsprechenden RKI-Daten.

 

Posted by Dorothea und Günther Redeker in Gesundheitspolitik