Familienforschung:
Historisch verankert
Persönlich erzählt
Dorothea Redeker
Warum Familienforschung?
Hinter mir liegt ein Berufsleben mit sehr unterschiedlichen Tätigkeiten und Erfahrungen. Zuletzt habe ich vor allem wissenschaftlich gearbeitet; meine Dissertation über die Zukunft des deutschen Buchhandels hatte den Weg geebnet. Heute konzentriere ich mich auf historische und wirtschaftsgeographische Fragestellungen und Forschungen – meist vor dem Hintergrund der Lebenswege von Mitgliedern meiner Familie.
Die Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens, der Umgang mit Epidemien, mit sozialen Missständen und Vorstellungen über ein uns Menschen gerecht werdendes Gesundheitssystem bildete den Anfang. Ich habe diese Geschichte am Beispiel meines Großvaters Franz Redeker erzählt und 2016 veröffentlicht.
Offen blieb die Frage nach den jüdischen Wurzeln von Franz Redekers Ehefrau, Vera von Kraewel, die ihren Sohn Konrad Redeker beschäftigte und zu denen er zusammen mit mir eine Antwort suchte und nicht fand. Vor 15 Jahren kamen wir in der Familienrecherche nicht weiter. Heute stehen andere Quellen und Zugänge zur Verfügung.
All‘ diesen Spuren bin ich in den letzten Jahren intensiv nachgegangen, zuletzt durch Reisen zu den Lebens- und Sterbeorten der Familie Fraenkel – denn so lautet der Familienname der Vorfahren meiner Großmutter Vera von Kraewel und der Geburtsname ihrer Mutter Gertrud. Die Geschichte der Familie kann ich nun erzählen, nicht nur dank einer Fülle zeitgenössischer Quellen, neuer Studien und Veröffentlichungen. Die Familienmitglieder selbst füllen mit ihren Erinnerungen und Publikationen Regale.
Ihr Aufstieg und ihre gesellschaftliche Teilhabe begannen – wie für die meisten Juden in Schlesien – mit dem Toleranzedikt von 1812. Manch‘ einer von ihnen wie Victor Loewe wird heute selbst zur Referenz. Als Historiker schrieb er zur Geschichte der preußischen Verwaltung, war gefragter Festschriftautor bei Jubiläen, wie z.B. zum 700-jährigen Jubiläum von Ujest/Ujazd, einem kleinen Ort westlich von Gleiwitz/Glwice in Schlesien und Wohnort der Familie Fraenkel Anfang des 19. Jahrhunderts.
Familiengründung in Gleiwitz/heute Gliwice
In dieser Gegend lernt der junge Emanuel Fraenkel (1805-1881), Lotterie-Unter-Einnehmer und Kaufmann, Mitte der 1820-er Jahre seine Ehefrau Rosalie Ring, älteste Schwester von Max Ring, aus Zauditz kennen. Die beiden ziehen nach Gleiwitz (Gliwice), einem prosporierenden Ort mitten in der oberschlesischen Berg- und Hüttenbauregion. Ihre Kinder werden im Vormärz, in den turbulenten Jahren um 1848, aber vor allem in der Industrialisierung groß. Jahren in denen der Wohlstand in den oberschlesischen Städten wächst, während die Armut auf dem Land zunimmt und 1847/48 eine der schlimmsten Thypus-Epidemien in Schlesien auslöst. Es ist die Zeit des jungen Rudolf Virchow, der aus den Verhältnissen in Oberschlesien seine Forderung nach einer sozialen Medizin ableitet.
Als einziger der zehn Kinder wird der zweitälteste Sohn der Familie, Benjamin (1829-1915) studieren. Er entscheidet sich für Jura, geht nach Breslau/heute Wrocław und Berlin, um schließlich in Liegnitz/heute Legnica viele Jahrzehnte als Anwalt und Notar zu arbeiten. Nach seiner Taufe Anfang der 1850-er Jahre nennt er sich Benno. Seine Tochter Gertrud (1860-1902) heiratet 1883 den preußischen Offizier Carl von Kraewel (1858-1921). Konrad Redeker, ihren Enkel und Sohn ihrer Tochter Vera, werden sie nicht mehr kennenlernen. Doch die Urgroßmutter, Johanna Fraenkel, geb. Beutner (1832-1923), Bennos Frau, überlebt Konrads Geburt noch einige Monate – gewusst hat er davon nichts.
Ob das 19. Jahrhundert uns heute noch etwas sagen kann?
Die Geschichte der ersten beiden Generationen der Fraenkels ist vor allem eine Geschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Einer Zeit des Aufbruchs, bahnbrechender technischer und medizinischer Entwicklungen mit sozialen und kulturellen Umbrüchen. Mir scheinen Themen, die die Menschen in diesem Jahrhundert bewegten, verblüffend ähnlich in Ablauf, Formulierung und Bearbeitung zum heutigen Leben zu sein. Und so reizt mich die Vorstellung, die Geschichte der Familie aus dieser Perspektive zu erzählen.
Oktober 2026








